Freitag, 4. März 2016
Seit einem Jahr nun steht er hier, mein Tisch. Vormals auch Unterrichtsplattform, PC-Unterstand. Mittagstisch und Kaffeetafel. Jetzt ist er "nur" noch Küchentisch. Es ist auch besser für ihn, den ich im Juli 2011, vom Hersteller als auf und zu klappbarer Gartentisch gedacht, kaufte und zu meinem Haupttisch machte. Die Scharniere längst ausgeleiert, steht er auf seinen vier Beinen nur noch aus Goodwill. Damals bedichtete ich seinen Kauf sogleich, noch hoffnungsschwanger, ihn, ein Tisch nun endlich groß genug für viele, mit geliebten Menschen zu umringen. Letztendlich waren es vor allem die Schüler, die ihre Hefte, Bücher, Sorgen und Unlust auf ihm parkten. Radiergummikrümel, Graphitreste, klingelnde Handys mit besorgten Mamis am anderen Ende und nicht endende Tränen gaben ihm den Rest.


EinJahr.

Seit einem Jahr nun hat sich sein Leben radikal geändert. Nicht nur muss er abends nicht mehr der aufkommenden Nacht weichen, sondern ist sie los, die Radiergummibetätigungswackeleien, die abrutschenden Stifte und auch Mamataxistimmen erreichen ihn nicht mehr. Stattdessen hütet er ein Deckchen mit einem Brotkörbchen, das, je nachdem, mit konditorellen Leichtgewichten wie Brioche, Brötchen oder Stuten bestückt ist, häufig aber einfach nur Luft enthält. Ein Stück Papier, das ein Bild ist, krönt das Ganze. Hier findet nicht mehr viel statt. Zuweilen ein Frühstück nach Maß mit abgezirkelter Brot- und Belagmenge, einem Getränk und dem Blick nach Draußen, während deutschlandradiokultur oder auch wdr4 die Ohren füllen. Kein Platz zum Verweilen. Essen ohne Ablenkung und Gegenüber. Nüchtern. Nur das festinstallierte Neonlicht scheint glücklicherweise nicht, denn wenn es dunkel ist, frühstücke ich noch nicht. Draußen sortieren sich die Menschen nach Ziel und Alter, Beruf und Herkunft. Wenige Autos, viele Kinderwagen und dann weiß ich alles, schalte das Radio aus, räume ab und überlasse ihn seinem Schicksal. Erst später am Tag wird er wieder tragende Oberfläche herabfallender Kartoffelschalen und des anstehenden Gemüsesortiments, schneiden aber kann man nicht mehr auf ihm. Wenn dann kein Besuch ansteht, was selten, aber doch zuweilen vorkommt, schläft er bis zum Morgen, unberührt.

Er ist in Rente gegangen, der Tisch mit all seinen Tätigkeiten und den Träumen seiner Besitzerin.
Er wurde abgelöst vom massiven Geschenk eines befreundeten Paares. Gegen den 12-Personentisch, dessen Beindicke der eines Menschenbeins ähnelt, kommt der zarte Gartentisch nicht an.
Hier, an kiefernfarbener Textur, wird nun radiert und die deutscher Sprache beackert, die Handys samt Mamis aber gibt es nicht, hierhin kommen die Kinder fast alle alleine. Denn sie sind meine Nachbarskinder. Das ist schön und so winken wir uns so manches Mal gerne zu.



Der Tisch, der so neu in mein Leben trat, hat schon so manch bunte Feier gesehen, ist Hort des Mittags- und Abendessens, das oft eines ist, portionsweise. Vor allem aber wird an ihm gearbeitet, werden Texte verfasst und verworfen, Konzepte erdacht, Heimathefte Korrektur gelesen und an neuen Ideen gefeilt. Oder für ein anstehendes Werksverzeichnis mit Bildern bedeckt. Es ist ein guter Tisch. Romantikfrei dient er Speisen und Gedanken als Tummelplatz. Neuerdings finden sich auch immer wieder Blumen ein, die je nach Schenkendem schneller oder langsamer welken. Seitdem der Winter einzog, ziert eine Kerze die Tischplatte, die wärmendes Licht und Gesellschaft spendet. Der Kalender lebt jetzt hier, umringt von vielfarbigen Stiften, hat der Tisch auch die russsich-orthodoxe Bibel zu tragen, die seit einem Jahr das Matthäusevangelium 6 Vers 25ff. nicht verlassen hat. Zuweilen fallen Blütenblätter verwelkter Sträuße statt Tränen auf den Tisch. Es ist ein ruhiger Platz. Sein einziges Manko sind die Stühle, die weder rücken- noch arbeitsfreundlich sich nach vorne neigen und immer wieder gegen Ball, Aufstehen oder einen kompletten Tätigkeitswechsel eingetauscht werden müssen.

Aber eigentlich hat der Tisch mit den Stühlen nichts gemein.

Und dann gab es da ja noch den Schreibtisch, der mal ein Küchentisch war, aber viel länger schon als Schreibtisch bei mir verweilte - ihn zog es in den Raum mit dem Blick auf den Baum, hier sollten Geschichten und Gedichte entstehen. Doch war seine erste Zeit hier so einseitig überladen, dass er sein neues Karma erst finden muss, er wartet also noch auf seine große Stunde.

Wenn die Muse kommt und seine Besitzerin küsst.



Jürgen Kramer, Frau, 2010



Freitag, 5. Februar 2016


http://www.neanderlandsteig.de/essen-trinken/#c1036

what do i want



Dienstag, 26. Januar 2016


Weiblich. Feminin. Fraulich.

Das Frauenbild in Amsterdam im Jahr 2016:



Gefunden in der Nähe der Amsterdam Arena am 24.01.2016